VIERZEHNTER
BEHANDLUNGSTAG
Die Glocken von St. Gabriel hatten schon zur Mitternacht geläutet, als Lapidius auf leisen Sohlen sein Haus betrat. Er bewegte sich ähnlich geräuschlos wie in Taufliebs Werkstatt, denn er wollte Marthe nicht wecken. Die Magd brauchte von seiner nächtlichen Exkursion nichts zu wissen.
Sein Laboratorium betretend, nahm er sich vor, sie auch an diesem Morgen wieder fortzuschicken, damit er den Bohrer in Ruhe untersuchen konnte. Ob das Werkzeug ihn zu den Mördern fuhren würde? Lapidius unterdrückte einen Seufzer. Es wurde höchste Zeit, den Geheimnissen um Freyj a auf den Grund zu gehen.
Das kalte Stück Stahl an seiner Seite klirrte leise. Er lockerte den Gürtel und zog den Bohrer heraus. Wohin damit? Die Vorratsgrube kam nicht in Frage; fürs Erste hatte er genug von sperrigen, herabkrachenden Bodentüren. Am besten, er bewahrte das Stück an einem Ort auf, wo Marthe nicht Staub wischte. Er überlegte rasch, dann hatte er es. Unter seinem Experimentiertisch befanden sich mehrere Klemmen, die er einst für einen Versuch hatte anbringen lassen. Nun kamen sie ihm ein weiteres Mal zustatten, denn er konnte sie nutzen, um den Bohrer unsichtbar unter der Platte zu befestigen.
Als dies getan war, beschloss er, sich zur Ruhe zu begeben, was nichts anderes bedeutete, als dass er wieder einmal auf seinem Lieblingsstuhl Platz nehmen musste, um den Rest der Nacht sitzend zu verbringen. Er hoffte, er würde nach all den Anstrengungen übergangslos einschlafen können, doch das Gegenteil war der Fall. Er fühlte sich wach wie selten. Das Mysterium um Freyja ließ ihn nicht los. Ereignisse und Begegnungen standen ihm vor Augen, als wären sie erst gestern geschehen. Bilder hatten sich in seine Netzhaut eingebrannt. Menschen und Gesichter. Es gab so viele Personen, die mehr oder weniger verdächtig waren: zuallererst Tauflieb, der barsche Mann, dem alles zuzutrauen war, aber auch Gorm, dessen Besuche sich in letzter Zeit seltsam häuften. Krabiehl, der so bemerkenswert wenig wusste oder wissen wollte. Nichterlein, der Knopfmacher, der einen Ziegenbock ohne Hörner besaß und vorgab, keine Ahnung zu haben, warum. Die Zeuginnen Koechlin und Drusweiler, die veranlasst worden waren, Freyj a zu verleumden. Dann der alte Holm, der beide ermordeten Frauen als Erster entdeckt hatte – ein Zufall? Oder steckte mehr dahinter? Dazu Richter Meckel, der den Büttel für sich arbeiten ließ und der vielleicht mehr wusste, als er zu erkennen gab. Gesseler, der Stadtmedicus, der seinen Dienst in der Folterkammer nicht angetreten hatte, weil er unter Fallsucht litt, diese aber nicht behandelte. Pfarrer Vierbusch, der es nicht für nötig befunden hatte, Gunda Löbesam den Letzten Segen zu erteilen, aber höchst empört war über die Verunzierung des Engels Gabriel auf seinem Triptychon.
Und schließlich war da noch Herobert Veith, der Apotheker, den es an manchen Abenden nicht zu Hause hielt, der Bilsenkraut feilbot und der sich erkundigt hatte, ob Freyja viel redete – ebenso wie es Meckel, der Richter, getan hatte und Gorm, der Schwachkopf. Letzterer gleich mehrfach.
Überhaupt die Oberhäupter der Stadt: Stalmann, der Bürgermeister, der – wirklich oder nur scheinbar? – dem Gesetz Genüge tun wollte, dann Stadtrat Kossack, der in seinem Verhalten blass geblieben war und vielleicht gerade deshalb beobachtet werden musste, ferner der Stadtrat Leberecht mit dem zuckenden Augenlid, der Freyja lieber heute als morgen auf dem Scheiterhaufen gesehen hätte.
Und die schiefe Jule. Von ihr glaubte er am allerwenigsten, dass sie es getan haben könnte, schon ihres körperlichen Gebrechens wegen. Viel eher kamen da die Handwerker in Frage, die einen Bohrer in ihrem Besitz hatten. Ehlers, Hartmann und Voigt hießen sie. Und – Tauflieb. Immer wieder Tauflieb. Ein Stöhnen drang an sein Ohr, und er glaubte zunächst, es stamme von ihm, gewissermaßen als Ausdruck seiner wirbelnden Gedankenströme. Doch dem war nicht so, denn das Stöhnen wiederholte sich, und es klang wie »Nein! «.
Nein?
Schlagartig wurde ihm klar, dass die Laute von oben durch den Sprechschacht zu ihm drangen. Freyj a musste die Urheberin sein. Rief sie ihn, oder träumte sie?
»… eiiin!«
Sie musste träumen, etwas Schreckliches träumen! Was sollte er tun? Er war im Zweifel. Wenn er nach oben eilte, um ihre Worte besser zu verstehen, lief er Gefahr, Wichtiges nicht mitzubekommen. Blieb er unten, konnte er nur raten, was sie sagte. Er tastete in seinen Taschen nach dem Schlüssel und fand ihn natürlich wieder nicht. Also rannte er in die Küche, um unter dem Ziegel in der Wand nachzuschauen. Es war ein ewiges Hin und Her mit dem vermaledeiten Schlüssel, mal hatte Marthe ihn und mal er, aber er wollte unbedingt vermeiden, dass es einen zweiten gab. Gott sei Dank, da lag er ja! Er rannte die Stiege empor, entzündete in fliegender Hast die kleine Öllampe und öffnete die Türklappe. Freyja schlief unruhig, warf den Kopf hin und her, als wolle sie einer Gefahr von oben ausweichen.
»Stein … neiiin … das Gesicht … Stein …«
Wie gebannt lauschte er ihren Worten, wartete auf weitere Äußerungen, doch sie blieben aus. Enttäuscht wollte Lapidius Freyja schon wecken, da ging es wieder los:
»Nein … Zahn … Zähne … Stein … scharf, so scharf.« Sie schlug mit den Händen um sich, verzweifelte, unverständliche Laute ausstoßend. Dann schwieg sie wieder, atmete unruhig, keuchte und stöhnte wie schon am Anfang.
Lapidius wartete auf einen neuen Ausbruch, aber er wartete vergebens. Freyja beruhigte sich immer mehr, und bald darauf verrieten tiefere Atemzüge, dass die Traumbilder in ihrem Hirn verblassten. Lapidius spürte, er musste handeln. Er rüttelte sie an der Schulter. »Freyj a. Freyj a! Wach auf! «
Nur langsam kam sie an die Oberfläche der Wirklichkeit. Verstört blickte sie um sich und blinzelte mit den Lidern, bevor sie Lapidius erkannte. Dann schloss sie wieder die Augen.
»Freyja! So wach doch auf!«
Endlich wandte sie sich ihm zu. »Ja?«
»Was hast du da eben geträumt? Es könnte von größter Wichtigkeit sein!«
»Geträumt? Ich … ich …«
»Was war es? Was hast du geträumt?«
»Ich … alles war dunkel, dann scharf und spitz … ich weiß nicht.«
»Höre, ich nenne dir jetzt Wörter, die du eben im Schlaf gesprochen hast, vielleicht kommt dir dann die Erinnerung wieder.« Lapidius konzentrierte sich, um die wenigen Sinn machenden Silben der Reihe nach zu wiederholen. »›Stein‹ konnte ich als Erstes heraushören, vielleicht hieß es aber auch ›nein‹, ich bin nicht sicher, dann ›Gesicht‹ und, warte, ›Zahn‹ und ›Zähne‹ und ›scharf‹, irgendetwas muss scharf gewesen sein. Scharf oder spitz. Könnte das sein?«
»Ich … ich …« Sie mühte sich redlich, aber sie konnte aus den Worten keine Bilder formen.
»Stein, Gesicht, Zahn, Zähne, scharf«, wiederholte Lapidius fast beschwörend. »Das muss dir doch etwas sagen!« »Ich … ja … nein.«
»Stein, Gesicht, Zahn, Zähne, scharf?«
»Ich … ich glaube, da war ein Gesicht … aus Stein.«
»Ein Gesicht aus Stein? Wo?« Er beugte sich tief zu ihr hinunter, um nur ja keines ihrer Worte zu überhören.
»Ich weiß nicht.«
»Gut, lassen wir das Gesicht aus Stein. Was ist mit dem Zahn oder den Zähnen? Und was könnte das Wort ›scharf‹ bedeuten? Bezieht es sich vielleicht auf einen Zahn? Waren Zähne scharf, vielleicht sogar spitz? Du erinnerst dich: Als ich dich eben weckte, sagtest du auch das Wort ›spitz‹. Also: Scharfe, spitze Zähne – könntest du so etwas im Traum gesehen haben?« Sie schüttelte den Kopf. »Die Zähne … ich weiß nicht … ich weiß nicht.«
»Was weißt du nicht? So sage doch: Was weißt du nicht?« »Die Zähne … lacht mich nicht aus … waren aus Stein, auch aus Stein, wie das Gesicht.«
Lapidius lehnte sich zurück. Er war im Widerstreit der Gefühle. Einerseits war es gelungen, Gegenstände ihres Traums festzuhalten, andererseits musste das gar nichts bedeuten, es konnten genauso gut Zerrbilder einer üppigen Vorstellungskraft sein – nichts, was j emals in der Wirklichkeit stattgefunden hatte. »Sag, hältst du es für möglich, dass dieser Traum nicht nur ein Traum war, ich meine, dass du die Zähne und das Gesicht aus Stein wahrhaftig gesehen hast?«
»Ja.«
Ihre Antwort war so schnell gekommen, dass er noch einmal nachfragen musste. »Ja?«
Sie nickte.
»Das ist ja großartig! Dann ist ein Teil deiner Gedächtnislücken im Traum geschlossen worden. Gut möglich, dass deine gesamte Erinnerung sich in weiteren Träumen offenbart. Aber vielleicht können wir das Ganze abkürzen: Weißt du, wo du dem Gesicht aus Stein begegnet bist? Oder den steinernen Zähnen? Lass dir Zeit, wir wollen nichts überstürzen, sammle dich und sage es mir.«
»Ich … ich …« Sie schüttelte den Kopf.
»Stein, Gesicht, Zahn, Zähne, scharf! Du musst dich doch an mehr erinnern! Stein … Gesicht … Zahn … Zähne … scharf?«
»Nein … ich … ich …«
»Kannst du das Gesicht aus Stein beschreiben? Die Augen, die Nase, die Lippen? War es ein weibliches Gesicht oder ein männliches? War es groß oder klein? Schön oder hässlich? Alt oder jung? War es grau, schwarz oder braun? War es ein dir bekanntes Gesicht?«
»Ich … ich …«
»Die spitzen Zähne – gehörten sie zu dem Steingesicht, oder hast du sie woanders gesehen? Wie lang waren die Zähne, wie viele waren es? Gehörten sie zu einem Mund? Kannst du die Form beschreiben?«
»Ich … ich … könnts nicht sagen … ich weiß doch nichts, nichts, nichts, und wenns mich das Leben kosten würd.« Sie schlug die Hände vors Gesicht und begann zu weinen.
»Um Gottes willen, weine nicht, hörst du? Es ist doch wichtig, so wichtig!«
Sie weinte weiter, wimmerte und schluchzte und drehte ihm den Rücken zu.
Er wagte nicht, weiter in sie zu dringen, und fühlte grenzenlose Enttäuschung. Er war so nahe dran gewesen, und dann hatte das Gedächtnis sie doch wieder im Stich gelassen. »Höre, Freyj a, du kannst j a nichts dafür, es ist nur so schwer für mich zu verstehen, dass dir nicht mehr einfallen will.«
Das Weinen ließ nach, aber ihre Schultern zuckten weiter.
»Vielleicht ist es so, wie Conradus Magnus mir einmal sagte: Die menschliche Natur neigt dazu, manche Erlebnisse einfach beiseite zu schieben, besonders die wenig angenehmen. Es ist dann so, als wären sie nie geschehen; demzufolge kann man sich nicht an sie erinnern.«
Sie schien sich zu beruhigen.
»Wer weiß, was alles dir an diesem ›warmen, wundervollen Ort‹ widerfahren ist? Paracelsus, ein berühmter Arzt, berichtet von Mönchsärzten, die Kranke in Kristallkugeln schauen ließen, woraufhin diese in einen tiefen Schlaf fielen. Der Schlaf wurde dazu genutzt, den Patienten beeinflussende Worte für die Genesung zuzuraunen. Manche von ihnen konnten sich hinterher nicht mehr an das Geschehene erinnern. Höre, Freyj a, vielleicht hat man mit dir Ähnliches gemacht, um dich zu, äh … Dingen zu verleiten, die du sonst nicht getan hättest? Vielleicht hat man dir sogar einen berauschenden Trank verabreicht, der die Wirkung der Kristallkugel noch verstärkte? Einen Trank aus Bilsenkraut? Vielleicht, vielleicht, vielleicht … Es ist so vieles möglich, und du solltest dir keine Vorwürfe machen.« Sie antwortete nicht, und an der Art, wie sie atmete, erkannte er, dass sie wieder schlief.
Sie sollte weiter ruhen. Um nichts in der Welt hätte er sie nochmals geweckt. Er drückte die Türklappe zu und schloss ab. Dann löschte er die Öllampe und gab sich, in der Dunkelheit grübelnd, seinen Gedanken hin. »Stein, Gesicht, Zahn, Zähne, scharf …« Diese Worte murmelte er immer wieder vor sich hin. Ein steinernes Gesicht und steinerne, scharfe, spitze Zähne – das war es, woran Freyj a sich erinnerte. Dazu schwebten ihr rote Farben vor, in sich verschwimmend und sich bewegend.
Was hatte das alles zu bedeuten?
Stein. Steinern. Wo gab es Steine? Natürlich, in den Bergen. Im Gebirge. Aber ein Gesicht aus Stein? Das gab es dort nicht. Und steinerne Zähne? Auch nicht. Nein. Steinformen, die scharf und spitz waren, gab es dort nicht. Nicht auf den Bergen.
Und in den Bergen?
Halt! Ein Gedanke kam ihm, so verwegen, dass er ihn sofort wieder verwarf. Doch er kehrte wieder. Und er setzte sich in seinem Hirn fest. Stalaktiten! Tropfsteinzapfen, die von der Decke einer Höhle herabwuchsen. Mit einiger Fantasie konnte man sie als Zähne bezeichnen.
Lapidius sprang von der Truhe. Es gab ein dumpfes Geräusch, als seine Füße auf den Dielen landeten. Rasch setzte er sich wieder. Freyj a war gottlob nicht erwacht.
Hatte sie Stalaktiten gesehen? Wenn ja, war sie in eine Höhle gelockt worden. Welch ungeheurer Gedanke! Lapidius musste einräumen, dass seine Vermutung mehr als vage war, denn die weiteren Stichwörter, wie ›wundervoll‹, ›warm‹ und ›verschwimmendes Rot‹, machten in diesem Zusammenhang keinen Sinn.
Dennoch: Der Gedanke, es könnte sich bei den steinernen Zähnen um Stalaktiten handeln, ließ ihn nicht los.
Er ging nach unten und setzte sich auf seinen Lieblingsstuhl. Stalaktiten. Nach unten wachsende Tropfsteinzapfen …
Mit diesem Gedanken schlief er ein. Am gleichen Morgen zeigte Marthe sich nicht wenig überrascht, als Lapidius ihr schon wieder befahl, zum Markt zu gehen. Diesmal sollte sie Schweinernes kaufen. Nicht zu fett, nicht zu viel, nicht zu teuer. Und Zeit sollte sie sich lassen. Es eile durchaus nicht, sagte Lapidius, der mit einem Auge schon zum Experimentiertisch schielte.
»Es eilt nich? Ihr seid gut, Herr! Un wer machts Haus sauber, wennich nich da bin?«
»Ja, ja, nun geh.«
Als die Magd fort war, legte Lapidius als Erstes Taufliebs Bohrer auf den Tisch, anschließend holte er den Frauenkopf herbei. Aber noch konnte er mit seiner Untersuchung nicht beginnen. Der Grund war der Gestank des Kopfes. Der Schädel roch mittlerweile so Ekel erregend, dass dem empfindlichen Lapidius fast die Sinne schwanden. Es half nichts. Er musste das Übel ertragen, wollte er zu weiteren Erkenntnissen kommen. Nach kurzer Überlegung band er sich ein Tuch vor Nase und Mund und konnte nun endlich anfangen.
Zunächst führte er den Bohrer in eines der Stirnlöcher ein. Dass diese Maßnahme seine erste war, lag auf der Hand, denn wenn die Spitze nicht passte, brauchte er gar nicht erst weiterzumachen. Dann war Tauflieb schuldlos. Und er musste zu den anderen Handwerksmeistern laufen, um ihnen unter irgendeinem Vorwand ihre Bohrer abzuschwatzen.
Doch die Spitze passte.
Sie war nicht zu breit und nicht zu schmal, sondern fügte sich genau in das Loch ein, so genau, wie ein Bohrer nur in ein Loch hineinpassen konnte. Lapidius, der vor Spannung die Luft angehalten hatte, atmete erleichtert aus. »Tauflieb, ich habe dich«, murmelte er erleichtert. »Du ahnst es noch nicht, aber ich habe dich. Und mit dir deine Satansbrüder. Denn die wirst du mit Sicherheit verraten – allein schon, um deinen eigenen Kopf zu retten. Freyja wird entlastet sein.«
Doch so weit war es noch nicht. Der Leichengestank holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Es wurde Zeit, den Frauenkopf fortzubringen. Das Corpus Delicti musste wieder in die Vorratsgrube zurück. Allerdings nicht, ohne es vorher zu verpacken. Die Gefahr, dass Marthe den Leichengeruch durch die Bodentür wahrnehmen würde, war zu groß. Nach einigem Suchen fand Lapidius ein großes, altes Kompassgehäuse, in das er den Schädel tat. Erleichtert entledigte er sich des Schutztuchs, verstaute das Gehäuse in der Grube und beschäftigte sich erneut mit dem Bohrer. Wieder betrachtete er die Spitze. Sie war der Dreh- und Angelpunkt seiner Beweisführung. Er hatte schon in Taufliebs Werkstatt dunkle Schmierstellen an ihr bemerkt, und auch jetzt war die Verfärbung auf dem metallenen Grund deutlich zu erkennen. Er roch daran, konnte nichts Ungewöhnliches feststellen und dachte: Nun gut, der Beweis, dass es sich um getrocknetes Blut handelt, kann auf diese Art schwerlich erbracht werden. Es verströmt bekanntermaßen keinen Duft; jedes Kind, das einmal eine verschorfte Wunde hatte, weiß das.
Aber es gab andere Methoden, das Geheimnis der dunklen Verfärbung zu lüften, und Lapidius wandte sie mit der gebotenen Gründlichkeit an.
Nach der Riechprobe kam die Wasserprobe: Dazu kratzte er einige Bröckchen des braunschwarzen Belags ab und tat sie in ein Schälchen. Anschließend gab er etwas Wasser hinzu. Er wusste, dass er bei dieser Überprüfung nicht mit einer schnellen Reaktion rechnen konnte, weshalb er das Behältnis beiseite stellte und gleich mit der dritten Methode weitermachte.
Es war die Kupferprobe. Zu ihrer Durchführung bedurfte es einer salzartigen Verbindung des Cuprums, die er sorgfältig auf einen Teil der Verfärbung applizierte. Anschließend wischte er mit einem Lappen über die Fläche. Der Belag verschwand und gab den Blick auf die ursprüngliche Metallfarbe frei. Lapidius schnaufte zufrieden. Kupfersalz war bekannt dafür, dass es Blutspuren beseitigen konnte. Vielleicht, das musste eingeräumt werden, war es auch imstande, andere Substanzen verschwinden zu lassen, aber die Wahrscheinlichkeit sprach hier für Blut. Die vierte Methode kostete Lapidius einige Überwindung. Es war die Geschmacksprobe. Wieder löste er einige Krümel von der Bohrerspitze und steckte sie sich in den Mund. Er schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können, dann drückte er die Bröckchen mit der Zunge gegen den Gaumen. Er tat dies, weil er sie verformen und auflösen wollte. Als es ihm nicht schnell genug ging, zerkaute er die Krümel. Schließlich glaubte er ihn auf der Zunge zu spüren: den typischen Geschmack von Blut. Er spuckte den Schleim in das Schutztuch und wandte sich nunmehr wieder der Wasserprobe zu.
Auf den ersten Blick schien in dem Schälchen nicht viel geschehen zu sein, doch bei näherem Hinsehen konnte er kleine rosafarbene Wölkchen neben den im Wasser liegenden Krümeln entdecken. Ein Zeichen dafür, dass sich die Substanz auflöste. Und dafür, dass sie selbst ursprünglich Wasser enthalten hatte. Lapidius war bekannt, dass Blut Wasser enthielt, wie überhaupt der menschliche Körper zu einem Großteil daraus bestand. Schon Thales von Milet hatte gesagt, dass alles Leben aus diesem Element hervorgegangen war.
Lapidius fasste zusammen. Von vier Proben, die er durchgeführt hatte, war die erste, die Riechprobe, ergebnislos geblieben, die drei anderen jedoch sprachen für Blut. Gewiss, keine der Methoden hatte den wissenschaftlich einwandfreien Beweis erbracht – einen solchen gab es auch gar nicht –, aber die Tatsache, dass nicht weniger als drei Prüfungen auf Blut hinwiesen, machte das Ergebnis mehr als wahrscheinlich. Ja, so musste es sein: Taufliebs Bohrer wies an der Spitze Blutspuren auf.
Plötzlich spürte Lapidius bleierne Müdigkeit. Er hatte wenig geschlafen, und die Natur forderte ihr Recht. Sollte er noch einmal nach Freyja sehen? Nein, das konnte er später tun. Sollte er seine Erkenntnisse schon dem Rat der Stadt mitteilen, damit Tauflieb verhaftet wurde? Nein, auch das hatte noch Zeit. Der Meister lief ihm nicht weg, und überdies schien es klüger, zunächst die Höhle mit den Stalaktiten ausfindig zu machen. Wenn es denn eine solche gab. Also klemmte Lapidius den Bohrer wieder unter den Tisch und schlief augenblicklich ein.
Wenig später war Marthe vom Markt zurück. Geräuschvoll schloss sie die Haustür hinter sich und rief: »Essis nich zu glauben, Herr, was Schweinernes nu kostet, sollichs Euch verra… ohhh! Tschuldigung, tschuldigung …«
Auf Zehenspitzen entfernte sie sich in die Küche.
Als Lapidius erwachte, war es schon später Nachmittag. Zu spät, um noch die Stadt zu verlassen und in den Bergen nach einer Höhle zu suchen. Er streckte die steifen Glieder und begab sich in die Küche. Marthe war gerade dabei, die Bratensoße abzugießen. Lapidius schnupperte: »Donnerwetter, das riecht aber köstlich!«
»Hooach! GottimHimmelhabtlhrmicherschreckt!« Die Magd fasste sich, nach Luft japsend, an den Busen.
»Tut mir Leid, Marthe. Aber es riecht wirklich verführerisch. Hast du die Speise auch nach den spagyrischen Erfordernissen zubereitet?«
»Hä … Herr?«
»Ich habe es dir doch schon häufig erklärt: Am bekömmlichsten ist Nahrung, wenn sie nach den Vorschriften der Spagyrik hergerichtet wird – einer Tochterwissenschaft der Alchemie. Schweinerner Braten muss danach so behandelt werden, dass er sämtlichen Saft behält, was ein Anbraten unter starker Hitze bedingt und anschließendes Garen bei geringerer Wärme. Unterbrochen von mehreren Güssen mit blutwarmem Honigwasser.«
»Ja, ja, Herr.« Marthe lutschte sich geräuschvoll einen Finger ab.
»Hast du die Gewürze für die Marinade auch gemörsert?« »Ja, Herr. Un Pfeffer habich massich genommen.«
»Schön.« Lapidius wusste, dass die Körner der Molukken nicht zu stark vertreten sein durften im Zusammenspiel der Kräfte, da ihr Aroma sonst Nelken, Kümmel, Koriander und Rosmarin überdeckte und für Diskrasie sorgte, aber er war, wie so viele seines Standes, den scharfen Samenfrüchten verfallen. »Dann ist der Spagyrik ja Genüge getan.« »Nennts, wie Ihr wollt, Herr, ich nenns Braten. Wollt Ihr mal kosten?«
»Nein, ich werde die Speise später probieren, nachdem ich mit Freyja gesprochen habe.« Unter Marthes Lamentieren, der Braten würde kalt werden, und es wäre doch schade darum, stieg er die Treppe in den Oberstock empor und sperrte die Türklappe auf. Seine Patientin war wach, wie er sofort sah, und hatte Tränen in den Augen. »Hast du wieder Schmerzen?«, fragte er teilnahmsvoll.
»Nein, es geht.«
»Was fehlt dir dann? Ach …« Neben ihrer Schulter hatte er mehrere blonde Büschel im Stroh entdeckt – die letzten Haare, die sie noch gehabt hatte. Das also war der Grund für ihre Verzweiflung. Er nahm die Haare und sagte betont forsch: »Ich werde sie aufheben, genauso wie ich die anderen Strähnen für dich verwahrt habe.«
Sie wischte sich über die Augen. »Wieso …?«
»Nur für den Fall, dass dein Haar nicht nachwächst, aber glaube mir: Es wird schon wieder sprießen. Und wenn nicht, können wir immer noch eine Perücke daraus machen lassen. Niemand wird dann merken, dass du kahlköpfig bist.«
»Meine Zähne«, stöhnte sie leise.
»Deine Zähne? Lass sehen.« Er nahm das Öllämpchen, hieß sie den Mund öffnen und leuchtete hinein. Die obere und untere Reihe sorgsam befühlend, brummte er. »Ja, es ist so. Die Syphilis fordert weiteren Tribut. Drei deiner unteren Schneidezähne sind sehr locker. Ich werde sie extrahieren, aber mach dir keine Sorgen: Es wird kaum bluten. Ich weiß, es ist nicht schön, Zähne zu verlieren, aber bei dir sind es nur untere, nicht die oberen, die man beim Lachen sieht, und auch keine Backenzähne …«
Während er beruhigend auf sie einredete, zog er die Beißwerkzeuge mit Daumen und Zeigefinger heraus. Es kostete ihn einige Mühe, und er wunderte sich einmal mehr über Freyjas Tapferkeit. »Ich werde sie ebenfalls für dich aufheben. Hat es sehr wehgetan?«
»Nein.« »Fühlst du dich jetzt besser?«
»Ja.«
»Es gibt Schlimmeres als ausgefallene Zähne. Bei meiner eigenen Syphilisbehandlung verlor ich nicht weniger als zwölf. Da ich vorher schon eine ganze Reihe eingebüßt hatte, blieben mir nur die oberen Schneidezähne, zwei Eckzähne unten und drei Backenzähne. Nicht viel, aber es reicht, um Nahrung zu zerkleinern.«
Lapidius zog sich die Lippen auseinander, damit Freyja einen Blick auf die Reste seines Gebisses werfen konnte. Er hatte so etwas noch nie getan, sich vielmehr stets darum bemüht, nur zu lächeln und keinesfalls zu lachen, doch heute wollte er eine Ausnahme machen. Das Grinsen, das er dieserart künstlich erzeugte, sah so grimassenhaft-komisch aus, dass Freyj a, trotz ihrer Gemütsverfassung, kichern musste.
Lapidius freute sich, sie zum Lachen gebracht zu haben. »Ich habe dich noch nie lustig gesehen.«
Sie kicherte weiter, endlich einmal Schmerz, Kummer und Sorgen vergessend. »Machs noch mal!«
Er beeilte sich, ihrer Bitte nachzukommen, und bemerkte kaum, dass sie ihn zum ersten Mal geduzt hatte.
Abermals löste seine Grimasse Heiterkeit aus.
»Lachen ist gesund, heißt es. Ich müsste öfter für Kurzweil sorgen, dann ginge es dir besser.«
»Ich kannte mal einen, der konnt genauso Faxen ziehen. Drei Monate fuhr er mit Mutter und mir.«
»Ah ja? Erzähle.«
»Kann ich Wasser haben?«
»Ja, natürlich. Ich hole rasch welches. Und den Weidenrindentrank dazu, warte.« Eilig holte er zwei Becher mit dem Versprochenen aus der Küche, dabei Marthe, die für ihren Braten gelobt werden wollte, nicht beachtend. Wieder zurück, flößte er Freyja beides ein. »Du kanntest also einmal jemanden, der so ähnlich aussah wie ich, wenn er Faxen machte, und der mit dir und deiner Mutter ein halbes Jahr lang fuhr«, setzte er das Gespräch wieder in Gang.
»Hans hieß er. Tat schön mit mir, aber wollt am Ende nur klauen. Na, egal, j edenfalls konnt er lustig blöd kucken, genau wie … oh, oh, entschuldige … ich meine, entschuldigt.«
Lapidius winkte ab. Sein Herz tat einen Freudensprung. Was machte es schon, dass sie ihn duzte, wo sie doch endlich einmal aus sich herausgegangen war, sich natürlich zeigte und wieder lebensfroher wirkte. »Sag ruhig ›du‹ zu mir, schließlich sind wir so etwas wie ein … äh … Zweierbund gegen das Böse, nicht wahr? Hans also konnte ›lustig blöd gucken‹, wie du sagst. Was hat er euch denn gestohlen?«
»Alles Geld, wohl über anderthalb Taler. Im Jahr 35 wars. Mutter war Hebamme und Kräuterfrau. Sie hat immer gesagt: ›Der Teufel ist überall, gerade da, wo keiner glaubt, dass er ist, ist er.‹ Und in Hans war er auch. Das wusste sie gleich vom ersten Tag an. Hatte es nur vergessen gehabt.«
»Das muss ja ganz schrecklich für euch gewesen sein.«
»Iwo. Mit so was muss man rechnen. Irgendwer haut einen immer übers Ohr, wenn man fährt. Man weiß bloß nicht, wanns passiert. Mutter tat nicht lange j ammern und hat gleich am Abend drauf ein Kind auf die Welt gezogen. In Stassfurt wars, östlich vom Harz. Da gings uns wieder gut, weil der Vater dankbar war. Überhaupt gings uns immer gut oder schlecht, aber nie lange gut. Mutter war die beste Hebamme, die ich je gesehen hab. Aber es gibt ne Menge weise Frauen, jedes Dorf hat eine, und deshalb tat Mutter auch Kräuter verkaufen, ›tausenderlei Kräutlein‹, hat sie immer gesagt, ›welche zum Kinderkriegen und welche zum Kinderwegmachen‹. Aber das mit den Kräutern, das kam erst später, als ich da war.«
»Freyja ist ein ungewöhnlicher Name«, sagte Lapidius. »Ja. Ist er. Hab ihn Erik zu verdanken.«
»Erik?«
»Ja. Mutter hat erzählt, im Jahr 26 war ein reicher Handelsherr nach Halberstadt gekommen. Der hatte eine Leibwache, und einer davon war Erik. Mutter war auch gerade in Halberstadt und hat ihn kennen gelernt. Erik war Schwede. Blond, groß, breite Schultern, und Mutter hat sich gleich in ihn verliebt. Aber es waren keine drei Tage um, da fuhr der Handelsherr weiter, und Erik musste natürlich mit. Einen Monat später hat Mutter gemerkt, dass sie was unterm Herzen trug. Sie hätt mich wegmachen können, mit Früchten vom Sadebaum, aber sie wollts nicht, weil sie Erik doch immer noch zugetan war. So bin ich auf die Welt gekommen.«
»Und was hat Erik nun mit deinem Namen zu tun?« Lapidius hatte bemerkt, dass sich noch ein Rest Brunnenwasser im Becher befand, und gab ihn seiner Patientin.
Freyj a schlürfte mit Genuss die letzten Tropfen. »Mutter hat Erik noch mal wiedergesehen, oben in Braunschweig wars. Da war ich schon ein halbes Jahr alt. Erik hat sich mächtig gefreut über mich und wollt wissen, wie mein Name war, und Mutter hat gesagt ›Frauke‹. Da hat er gelacht und gesagt, das bedeutet ja ›Frauchen‹ und dass er nicht will, dass ich so heiß. Er war mehr für ›Freyja‹. Das würd ›Herrin‹ auf Nordisch heißen, und das wär das Richtige für mich.«
»So also bist du zu deinem Namen gekommen.«
»Ja, und als Mutter tot war und ich allein den Wagen gefahren hab, sind eine Menge andrer Namen dazugekommen: Kräuterfreyj a, Truttnerfreyj a, Hexenfreyj a. «
Lapidius fuhr hoch. »Hexenfreyj a auch?«
»Ja, hab den Namen schon ewig. Weil ich auch das Lebenselixier verkauft hab, und weil ich gesagt hab, es hätt Zauberkräfte. Das Rezept ist noch von Mutter: Safran, Myrrhe, Aloe, Manna und Enzianwurzel sind drin.«
»Hm.« Lapidius hatte den letzten Sätzen seiner Patientin nicht mehr gelauscht. Er war noch bei den Namen davor. »Da scheint jemand in jüngster Zeit das Schimpfwort ›Hexenfreyja‹ sehr wörtlich genommen zu haben«, murmelte er. »Vielleicht sind die Verleumder deshalb auf dich gekommen.«
»Ja«, sagte Freyja, die während ihrer Erzählung ganz ruhig mit geschlossenen Augen dagelegen hatte.
»Ja«, sagte auch Lapidius. Beide hingen ihren Gedanken nach. Schließlich meinte er: »Wie es der Zufall will, komme ich aus Braunschweig. Mein Vater war Gewürzhändler dort. Er betrieb ein Kontor am Burgplatz und hatte Verbindungen in alle Welt. Seine große Leidenschaft war das Geld – er konnte nie genug davon bekommen. Sein großer Kummer hingegen war die Sorge um seine Nachfolge, denn von den drei Brüdern, die ich hatte, starben alle schon im Kindesalter.«
»Ohhh … wie traurig.« Freyja klang ein wenig schläfrig.
»Sein ganzes Augenmerk galt deshalb mir. Auf mich setzte er seine ganzen Hoffnungen. Ich sollte dereinst seine Geschäfte übernehmen. Die Sache hatte nur einen Haken: Ich verspürte nicht die leiseste Lust, in seine Fußstapfen zu treten. Ich konnte mir nicht vorstellen, tagein, tagaus dem Mammon hinterherzuj agen, und ich sagte es ihm auch. Fortan hatte ich die Hölle daheim. Kein Tag verging, ohne dass Vater nicht auf mich einredete, kein Tag, an dem Mutter nicht weinte. Um des lieben Friedens willen trat ich schließlich eine Lehrzeit bei einem befreundeten Kaufherrn in Hannover an. Bei ihm zu arbeiten war wie eine Geißel für mich, denn in mir brannte die Sehnsucht nach der Wissenschaft. Ich wollte mich mit Astrologie und Philosophie beschäftigen und nicht mit Banken und Buchhalten. Dennoch beendete ich die Lehrzeit mit Erfolg und ging anschließend wieder nach Braunschweig in mein Elternhaus zurück.«
Lapidius unterbrach sich und betrachtete Freyja. Sie hielt noch immer die Augen geschlossen, und er fragte sich, ob sie eingeschlafen war. Das Reden tat ihm gut. Niemals zuvor hatte er so ausführlich über sich gesprochen.
»Es folgte die vielleicht schönste Zeit meiner Jugend. Vater zeigte sich zufrieden mit mir, und Mutter konnte wieder lachen. Doch je mehr Monate ins Land gingen, desto unruhiger wurde ich. Ich hielt es nicht mehr aus hinter dem Schreibpult; es zog mich fort, ich musste studieren. Und diesmal wollte ich mich nicht davon abbringen lassen.
Als ich Vater mein Vorhaben eröffnete, hing der Haussegen sofort wieder schief. Er fluchte, tobte, flehte, ja er drohte sogar allen Ernstes, mich zu enterben. Es war die schlimmste Strafe, die er sich vorstellen konnte. Armer Vater! Er ahnte nicht, wie egal mir das war.
Ich zählte einundzwanzig Jahre, als ich Braunschweig verließ, nur auf mein Glück vertrauend. Vorher hatte Mutter mir noch unter Tränen ein paar Taler in die Tasche gesteckt, als äußersten Notnagel. Ich wandte mich nach Thüringen, ging zuerst nach Erfurt, später nach Padua ins Oberitalienische und viel später nach Toledo.
Zwischen den Semestern legte ich immer wieder lange Pausen ein, um mein Brot zu verdienen und Geld für das Studium zurückzulegen. Auf diese Weise lernte ich auch Conradus Magnus kennen. In Leon war es, einer Stadt in Nordspanien. Er suchte damals einen Gehilfen für sein Laboratorium, und ich hatte das Glück, dass er mich nahm. Er war es auch, der mich in die Alchemie einwies und meine Leidenschaft für diese Wissenschaft weckte. Conradus war damals noch an Jahren jung, aber seine Erfolge hatten ihm schon den Beinamen ›Magnus‹, das heißt ›der Große‹, eingebracht.
Nächtelang experimentierten wir zusammen und diskutierten über die hermetischen Prinzipien, die Transmutation, den Stein der Weisen, über Spagyrik, Kabbala, Gnosis und vieles mehr.
Er wurde mit der Zeit zu einem brüderlichen Freund, dem ich mich in j eder Hinsicht anvertrauen konnte. So hatte er auch Verständnis dafür, als ich eines Tages sagte, ich wolle in den Süden gehen, nach Toledo, um dort weitere Studien zu treiben. Alles, was er daraufhin erwiderte, war: ›Ich bin j a da. ‹
Und ich ging. Unerfahren wie ich war, hielt ich mit meinem Wissen nicht hinter dem Berg, im Gegenteil: Ich fürchte, ich prahlte das eine oder andere Mal gehörig damit. Umso mehr wunderte ich mich, als die Häscher der Inquisition mich prompt verhafteten. Ich wusste damals noch nicht, dass man als Alchemist immer mit einem Bein im Kerker steht, weil die Kirche ständig in Sorge ist, man könne die göttliche Allwissenheit anzweifeln. Nun, ich will dir nichts vorj ammern, nur so viel: Ich habe die Torturen der Folter am eigenen Leibe erfahren, weiß also, was du durchlitten hast. Wie es mir gelang, der Inquisition zu entfliehen, ist eine eigene Geschichte. Erspare mir die Einzelheiten. Jedenfalls glückte es mir.
Ich gelangte nach Toledo und studierte dort weitere Jahre. Als ich glaubte, mein Wissen genügend vervollkommnet zu haben, fasste ich den Entschluss, in meine Vaterstadt zurückzukehren. Vorher allerdings wollte ich Conradus Magnus einen Besuch abstatten, schließlich musste ich meinem Lehrmeister noch einmal Lebewohl sagen. Auf der Reise nach Leon ist es dann passiert: Ich geriet in schlechte Gesellschaft und wurde mit der Syphilis geschlagen. Ich merkte es zunächst nicht, sondern frönte weiter dem leichten Leben, zwei ganze Monate lang – vielleicht verständlich nach all den Jahren klausnerischen Lernens. Irgendwann j edoch war ich die Nichtsnutzigkeit leid, und ich fand endlich den Weg zurück zu Conradus.
Als ich über die Schwelle seines Hauses trat, sah ich, wie seine Augen sich vor Schreck weiteten. Er hatte sofort die schorfigen, nässenden Pusteln erkannt, die für ein fortgeschrittenes Stadium der Syphilis typisch sind. So schonend wie möglich brachte er mir bei, welch tödliche Seuche mich angefallen hatte. Es war mir, als hätte jemand den Boden unter meinen Füßen fortgezogen. Ich fühlte mich so arm und schwach wie der Ärmste und Schwächste auf dieser Welt. Aber Conradus pflegte mich, als wäre ich sein eigener Sohn. Als ich ihm dankte, sagte er abermals nur den Satz ›Ich bin ja da‹. Drei Wochen lag ich darnieder und durchlebte die Hölle in der Hitzkammer. Aber ich stand wieder auf und wurde gesund.«
»Das hast du schon erzählt.«
»Wie?« Lapidius fuhr zusammen. Freyja war die ganze Zeit so still gewesen, dass er angenommen hatte, sie wäre eingeschlummert. »Ja, du hast Recht, ich erinnere mich. Nun, viel mehr ist auch nicht zu berichten. Als ich mich von der Krankheit gänzlich erholt hatte, nahm ich schweren Herzens Abschied von Conradus, denn ich wusste, ich würde ihn niemals wiedersehen. ›Ich gehe nun‹, sagte ich, und er antwortete mir zum dritten Mal ›Ich bin ja da‹. Ich denke, er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass er immer an meiner Seite ist, nicht im körperlichen, sondern vielmehr im geistigen Sinne. Und in der Tat ist es so, dass der Gedanke an ihn mir Zuversicht verleiht, besonders in der letzten Zeit.
Der Rest ist schnell erzählt. Wieder in Braunschweig, erfuhr ich vom Tod meines Vaters. Er hatte mich tatsächlich enterbt, und ich würde heute mittellos dastehen, wenn nicht meine Mutter gewesen wäre. Sie entstammte einer reichen Augsburger Kaufmannsfamilie und hatte eigenen Besitz. Als sie zwei Jahre später starb, hinterließ sie mir alles. Ich nahm das Geld und verließ meine Vaterstadt. Ich wollte nichts mehr mit dem Gewürzhandel zu tun haben, sondern nur noch meiner Wissenschaft dienen. Ich ließ mich in mehreren Städten nieder, musste aber jedes Mal feststellen, dass Alchemisten alles andere als wohlgelitten sind. Ja, es ist leider so: Wir Jünger der Geheimlehre leben gefährlich. Schließlich, vor etwa einem halben Jahr, kam ich nach Kirchrode. Die Stadt strahlte Ruhe und Frieden aus, und man war mir beim Finden eines Hauses behilflich. Ich zog ein und begann mit meinen Forschungen, ohne zu ahnen, was alles sich in Bälde zutragen würde … Siehst du, Freyj a, das ist meine ganze Geschichte. Freyj a?«
Nun schlief sie doch.
Lapidius lächelte. Er erhob sich von der Truhe und blickte auf seine Patientin herab. Im gelben Licht des Öllämpchens glitzerten unzählige Schweißtröpfchen auf ihrem kahlen Kopf. Sie musste noch diesen und sechs weitere Tage schwitzen, bevor er sie aus den Klauen der Kur befreien durfte. Sechs Tage. Für sie eine kleine Ewigkeit; für ihn nur eine kurze Spanne Zeit – vielleicht zu kurz, um die Filii Satani dingfest zu machen. Er ertappte sich dabei, wie er ein Gebet für sie murmelte:
»Gottvater im Himmel, es heißt in der Schrift:›Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie‹, doch mir will scheinen,
die Kirchroder kennen diese
Jesusworte nicht.
Gib ihnen die Erkenntnis,
die sie besonnen macht,
gib mir die Kraft, die Meuchler zu fassen, und
gib vor allem, dass Freyja
die Syphilis besiegt.
Amen. «
Er hatte seit Jahren nicht mehr gebetet und war erstaunt über sich selbst. Die Worte an seinen Schöpfer hatten ihm Trost und Zuversicht gegeben. Leise schloss er die Türklappe und stieg hinab ins Erdgeschoss.
Marthes Braten wartete.